Erfahrungsbericht einer Gastfamilie

Die Kinder sind seit kurzem aus dem Haus, die Zimmer sind renoviert, es ist reichlich Platz vorhanden. Der Jahrhundertsommer verleitet zum Zuhause Bleiben, warum soll man denn immer im August in den Urlaub fahren? Ein gelbes Informationsblatt flattert ins Haus, Stockhausen Kurse in Kürten. Hatten wir nicht schon lange vor da einmal mit zu machen, musikalische Gäste in unser Haus zu bringen? Der Kontakt war schnell geschaffen, ja einen Gast könnten wir nehmen, falls es eng wird auch mehrere, zwei oder drei Gäste, wenn es geht aus dem Ausland. Wir wollten doch auch unsere Sprachkenntnisse testen, wir sind selber eine mehrsprachige Familie. Postwendend kam die Antwort, es wurden drei Gäste angekündigt.

Wir sollten uns bereithalten, wir würden im Laufe des Samstags angerufen. So verpassten wir die in drei Sprachen gehaltene Begrüßung unseres Bürgermeisters Iwanow. Der hat doch sicher einen russischen Großvater mit Namen Ivanow gehabt. Dann wurden sie gebracht, Cloé und François aus Quebec, Sasha aus New York. Was hatten wir erhalten? Eine Querflöte, eine Klarinette, einen Komponist.

Am Abend das Eröffnungskonzert; gut, ich hatte Stockhausen früher schon gehört. Das letzte Mal vor 5 Jahren anlässlich seines 70. Geburtstages. Ich wusste, was auf mich zukam, ich musste mich dennoch erst einmal wieder an diese Musik gewöhnen. Stockhausen schaute streng zur Tür, alles muss stimmen bei ihm, er fängt ja auf exakt die Sekunde um 20.00:00 h an. Aber es kamen immer noch Gäste. Ich erinnerte mich, dass Stockhausen deswegen früher extrem ungeduldig wurde, um es moderat auszudrücken. Diesmal guckte er zwingend zur Tür, aber in sich entspannt.
Meine Frau kannte Stockhausen noch aus der Schulzeit, ihr Kunstlehrer hatte sie seinerzeit aufgefordert zu Stockhausens Musik ein Bild zu malen. Zu malen, was einem zu dieser Musik einfällt. In welcher Schule wird denn so unterrichtet? Es war eine Schule in den Niederlanden!

Was machen Jugendliche zwischen 18 und 23 Jahren Samstag Abend? Wir haben unsere Gäste mitgenommen zu einer Grillparty, zwei Franco Kanadier, einen Amerikaner russischer Abstammung. Jeder probierte sein Englisch aus, auf einmal fand sich ein Belgier ein, der Französisch sprach. Ein Freund meiner Kinder sprach mit Sascha Russisch. Es wurde eine lange Grillnacht bei tropischen Temperaturen, alles sehr ungewöhnlich.

Kürten ist eine ländliche Gemeinde mit den bekannten Verkehrsproblemen. Nun, zu den Übungen, Seminaren, Konzerten sollten die Schüler mit öffentlichen Verkehrsmitteln selber fahren. Aber Inta aus Litauen, die in der Nachbarschaft untergebracht war, kannte den Weg zum Bus nicht. Um es kurz zu machen, wir sind fast jeden Tag morgens und abends mit dem Auto gefahren und das war gut so.
Wir hatten die großartige Gelegenheit bei den Proben, besonders bei den Proben der Schüler, dabei zu sein. Eine Piccoloflöte kommt in den abgedunkelten Saal herein getänzelt und schlängelt sich durch die Reihen. Es war der falsche Weg, Stühle werden gerückt. Und noch einmal. Und die Beleuchtung stimmt auch noch nicht. Der Tanzschritt ist verblüffend. Jetzt muss die Flöte durch die Zuschauerreihen, sie macht einen weiten Bogen, verharrt bei einer Skulptur, bei den Exponaten, die Stockhausens Musik erklären helfen. Sie verschwindet hinter den Tafeln mit den Fotos. Sie tänzelt wieder herein, sie wird extrem laut. Diese kleine Piccoloflöte mit der zierlichen jugendlichen Interpretin. Wer kann in diesem Alter bloß schon so akkurat und eindringlich spielen?

Am Abend hörten wir die gleiche Musik anlässlich des Teilnehmer-Konzertes noch einmal. Die Musik war uns vertraut geworden, die Regie hatten wir miterlebt. Wir hörten, wir sahen und wir fühlten auch.

Nach jedem Konzert gab es eine Nachbesinnung in unserem Garten. Tropisches Wetter, Kölsch, Gespräche bis tief in die Nacht. Es kamen immer mal wieder unsere Kinder dazu, deren Freunde, unsere Freunde. Bei klarem Sternhimmel rückte Mars in seine größte Erdnähe seit 60.000 Jahren. In New York und Kanada gab es den größten black out, den wir uns vorstellen konnten. Krieg im Irak. Sascha (23) war beeindruckt, - er verdient bereits Geld mit Komponieren von Filmmusik -, der rote Planet Mars hatte es ihm angetan. Hatte er vielleicht schon neue Melodien im Kopf? Am nächsten Morgen fragte er tatsächlich Stockhausen, ob er schon mal eine Musik, die Mars gewidmet sei, geschrieben hätte!

Die Dozenten-Konzerte schließen am letzten Tag mit INORI. Für uns ist das Asien. Oder ist es Welt-Musik? In der ganzen Woche hatten wir uns mehr und mehr hineingehört in Stockhausens Musik. Diese Musik war uns kein bisschen fremd mehr. Eigentlich war INORI schon fast zu vertraut. Wir waren richtige Hörer, Seher und Fühler geworden.

Der letzte Abend im La Strada, für 10 Tage fest in der Hand der Stockhausen Schüler. Brechend voll, jeder bekommt seine Pizza oder Pasta, Kölsch oder Weizenbier. Viele Sprachfetzen in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch....Deutsch.
Versuchen Sie bei den nächsten Stockhausen Kursen mal einen Platz im La Strada zu ergattern!

Es kam der letzte Abend zu Hause. Es ging um Musik, Partituren wurden verfolgt und mitgesungen. Cloé und François packten mitten in der Nacht ihre Instrumente aus. Philipp Emmanuel Bach, Ludwig van Beethoven. Auf das Extremste konzertant, technisch hervorragend. Man kann neidisch werden, wenn man diese jungen Menschen spielen hört.

Es ergibt sich später ein netter Kontakt mit Prof. Karlheinz Stockhausen. Er sagte mir, ...sagen Sie allen Leuten in unserer Gemeinde, was wir hier tun....!

 

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