News aus dem Gemeindearchiv

Hier der Informationsflyer über das Gemeindearchiv


Leitbild Kürten Fortschreibung 2020-2030: 6.3 „Kulturelles Erbe"
Das Gemeindearchiv als Ort regionaler Identifikation: Angebot eines starken kulturellen Erbes...

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten.“ (Helmut Kohl)
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“ (Sören Kierkegaard)

Die Auffassung eines „Kulturelles Erbes“ gründet auf dem Konsens, dass es keine Zukunft ohne Vergangenheit gibt. Zum konsistenten kulturellen Erbe einer Region gehören Baulichkeiten, Denkmale, archäologische Befunde oder Zeugnisse früherer Wirtschaftsformen und Handwerksarbeit, weiterhin Überlieferungen zu Brauchtum, Werten und Normen vorangegangener Generationen; sie reicht bis hin zur Tradierung von Kunst, Mundart, Versen, Melodien, Vereinschroniken oder Dorfgeschichten.

Angesprochen sind also einerseits dreidimensionale kulturhistorische Zeugen vormaliger Lebensbedingungen im ländlichen Raum wie Bauwerke, Gedenkstätten, Fundorte bzw. vorgefundene Gegenstände musealen Charakters. - Nicht minder relevant für die Identitätsbildung der Gemeinde sind jedoch die tradierten zweidimensionalen kulturhistorischen Zeugnisse in Form von Schriftgut, aber auch audiovisuelle, mediale und digital vermittelte Erzeugnisse. Sie alle unterliegen einer mehr oder weniger fachkundigen Bewertung. Das materielle Kulturerbe in Gestalt von Ortskernen od4r Denkmalen wie auch das immaterielle Kulturerbe in Form von Archivdokumenten und Büchern schaffen Standortvorteile.

Beispiel Kürten: Auch das neu aufgelegte Leitbild 2020-2030 schenkt dem Wert einer Erfassung kulturhistorischer Zeugnisse aus dem Gemeindegebiet besondere Aufmerksamkeit. Dies umso mehr, als sich in der Flächengemeinde kein Museum findet als ausgewiesener Ort heimatgeschichtlicher Darstellung. Die wenigen ehemals vorhandenen, öffentlich zugänglichen Sammlungen wurden in den letzten Jahren aufgelöst. Kürten kann zwar mit Gut Hungenbach aufwarten, aber dieses Ensemble ist nicht repräsentativ für die Hauslandschaft in der Region. Allenfalls gewähren einige private Sammler hiesigen Kulturgutes eine Einsichtnahme in ihr Inventar.

Jedoch hat sich Jahrhunderte hinweg – seit Einführung des Code Napoléon (bzw. Code Civil) als Gesetzeswerk - auch im Amt Kürten ein Verwaltungsarchiv gebildet: Aus den beiden damaligen Bürgermeistereien hervor gingen drei Altbestände, welche die Zeitspannen 1810-1920, 1920-1945, und 1945-1963 abbilden. Der seinerzeit von Frankreich in die Rheinlande getragene Verwaltungsplan, der die Aufteilung des Verwaltungsapparats in Ämter, administrative Einheiten oder Fachbereiche vorsieht, ist in seinen Grundstrukturen noch heute gültig. Das Spektrum der Lebenswelten, das sich im Gemeindearchiv wiederfindet, reicht insofern von der allgemeinen Verwaltung, den Personalfragen, den Kirchen und Schulen, dem Bauen, Planen und den Liegenschaftsverhältnissen bis hin zur Sozialfürsorge, zur Volksgesundheit, zu Ernteerträgen und den Viehbeständen, zu Fragen der allgemeinen Versorgung, auch zu Krieg und Frieden, und natürlich zu den öffentlichen Finanzen.

Ursprünglich bediente das Verwaltungsarchiv nicht so sehr historische Interessen. Von Bedeutung war vielmehr ein pragmatischer Nutzen in Form der Nachweisbarkeit von Vorgängen, auch hinsichtlich der Umsetzung von Ministerialerlassen vor Ort. Wichtig war auch das Berichtswesen mitsamt Statistiken. In dem Maße aber, in dem alte Verwaltungsvorgänge allmählich obsolet werden und ins Vergessen rücken, steigt ihr Wert als ortsgeschichtliches Zeugnis. Heißt: Ins Blickfeld rückt zunehmend die Bedeutung von Archivalien in Bezug auf die gemeindliche Kulturgut-Pflege. Denn Archivalien lassen oft anschauliche Rückschlüsse zu auf die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren. Als Zeugnisse von besonderer Aussagekraft erweisen sich etwa die Schulchroniken aus den Kürtener Ortslagen.

In das Altarchiv fließen zunehmend auch Bestände, die nicht aus der Verwaltung, sondern aus der Bürgerschaft kommen. Aufschlussreiche Archivalien lagern gelegentlich auch in Privathaushalten, in Vereinsarchiven oder in Schulkellern. Anfang 2000 gelangten in das Archiv der Gemeinde Aktenbündel, die sogar zurück reichen bis ins 17. Jahrhundert. Schenkungen, Nachlässe, Sammlungen, Chroniken stellen mittlerweile eine unverzichtbare Ergänzung der gemeindlichen Überlieferung dar: Als neu hinzu kommende Bestände ermöglichen sie einen weiteren Blick auf die Dinge, dringen in überraschend viele Lebensbereiche ein und komplettieren so unsere Sicht auf die Geschichte, die nicht allein aus Verwaltungsakten geschrieben werden kann.

Das Altarchiv beherbergt also beide, die alten und unveränderbaren Verwaltungsakten wie auch die hinzu kommenden geschichtsträchtigen Sammlungen anderer Provenienz.

Angesichts des spürbar wachsenden Informationsbedarfs der Bürgerinnen und Bürger mutiert das vormals streng abgeschlossene Verwaltungsarchiv zeitgemäß zu einer Servicestation des Rathauses. Beispiel: Seit 2009 bieten Kommunalarchive Ahnenforschung als Dienstleistung für die Bevölkerung an. Das Gemeindearchiv Kürten verfügt über die Personenstandsurkunden aus den beiden ehemaligen Standesämtern Kürten und Olpe seit 1811 und kann diesen Auskunftsdienst vorhalten. Eine wesentliche Erleichterung bedeutet, dass der Bergische Geschichtsverein 2008 damit begonnen hatte, für etliche Kommunen in der Region jede Seite aus den alten standesamtlichen Büchern abzufotografieren und digital verfügbar zu machen, so dass der geforderte Nachweis direkt am Arbeits-PC darzustellen ist.

Momentan entsteht – als ein weiteres Abbild vormaligen dörflichen Lebens –das Ortsarchiv des Geschichtsvereins für die Gemeinde Kürten und Umgebung e.V.; Seit 2017 präsentiert es im Dachgeschoss des benachbarten Rathaus-Altbaus seine Sammlungen und Buchbestände. Ein positiver Synergie-Effekt: Beide, das Gemeindearchiv wie das Ortsarchiv, sind auf Zusammenarbeit und Publikumsbetreuung hin konzipiert.

Noch verwahren Archive überwiegend papierne Zeugen der Vergangenheit. Das wird sich ändern.

Die Digitalisierung steht an. Der vorhandene Fundus verpflichtet die Gemeinde ohnehin zu adäquater Bearbeitung. Mit der zunehmenden Vielfalt ihrer archivalischen Sammlungen verfügt die Gemeinde Kürten über eine beachtliche Chance, das Wissen über die historischen Zeugnisse vor Ort als Quelle von - gelegentlich auch überraschenden - Entdeckungen zu verstehen. Weiterhin wachsen die Ansprüche an den Auftrag, das anvertraute Material wertend zu interpretieren, sachgerecht zu verwahren und die Überlieferungen, zumal bei anstehenden Planungsvorhaben, verantwortlich in die Öffentlichkeit hinein zu vermitteln. Gemeint sind Zugänglichmachung, Auskunftspflicht, reguläre Öffentlichkeitsarbeit mit Bildungsanspruch: Recherche-Möglichkeiten, Ausstellungen, Vorträge, Publikationen.

In welcher Form auch immer: Historisches Aktenmaterial veranlasst zur Bewertung und Dokumentierung. Und wird Teil des allgemeinen Bildungsauftrags: Manuskripte, Texte, Bilder und Karten eignen sich etwa, entsprechend aufbereitet, als Anhang zu einem Flächennutzungsplan, als Informationsmaterial für Schulen oder auch als Grundlage für kulturgeschichtliche Wanderwege. Fortgeführt und verstärkt werden soll die Zusammenarbeit mit kulturtragenden Institutionen über Kürten hinaus: Austauschpartner sind Schulen, Archive in der Umgebung, auch kreisweit, Geschichtsvereine, etwa auch das Bergische Freilichtmuseum in Lindlar, Sammler und interessierte Personen, Medien und Verlage. Wichtig ist der Kontakt mit dem LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum und mit dessen Angeboten. Wünschenswert ist schließlich eine fachkundige Archiv-Betreuung in Kürten auch in Zukunft, die den Wert der Archivpflege für Identitätsbildung und Merkmalgestaltung einer Gemeinde wahrnimmt.

Das gilt im Großen wie im Kleinen. Unvergessen bleibt die allgemeine Wahrnehmung nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln, das seither als das schriftliche "Kölner Stadtgedächtnis" gilt; diese Wertschätzung bestärkt nunmehr die Geltung von Archiven als das Gedächtnis einer Region.

Nach dem Motto: „Wer seine Wurzeln nicht kennt, hat kein festes Fundament, auf dem sich Zukunft bauen lässt“ (Dieter Prinz, Leitbildmoderator) ist jeder einschlägig interessierte Bürger, jede Bürgerin, aufgefordert, das Recht wahrnehmen, Zugang zur Historie des Heimatortes zu haben. Menschen brauchen Überlieferungen als Kristallisationspunkte des eigenen Lebensweges; der Blick in die Quellen oder Ahnenreihen wird zu erlebbarer Geschichte, zuweilen von biographischer Bedeutung.

Die offiziellen Gremien – also Rat und Verwaltung – sollten mit den Zeugnissen der Vergangenheit und ihrem Wert vertraut sein und einem künftig eher noch steigenden Bedürfnis nach Heimatbewusstsein und Regionalität Rechnung tragen. - Die Kenntnis dieser Zusammenhänge gehört zu einer soliden Basis für Entscheidungen, auf der verantwortliche Akteure das zukünftige „Haus Gemeinde“ (D. Prinz) aufbauen können. – „Die Einschätzung der Bedeutung der kulturhistorischen Zeugnisse sowie die daraus abgeleiteten Forderungen haben heute und im Blick auf 2030 unverändert Gültigkeit“, heißt es im Leitbild, zu präzisieren wäre: „inklusive des archivischen Schriftgutes“.

Kürten, im November 2017

Ute Ströbel-Dettmer
- Archiv Gemeinde Kürten -

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